Sonntag, 6. Dezember 2009
Der Rasputin von Potsdam
Hans Jonas, ein vor allem bei grünen Umweltaktivisten sehr beliebter Philosoph, hat in seinem Werk "Das Prinzip Verantwortung" in einer Art von Philosophie des institutionalisierten Verfolgungswahns die Menschen verpflichtet, bei allem ihrem Tun jeweils die schlimmsten aller denkbaren Konsequenzen zu unterstellen und bei jeder Prognose, die sie in die Zukunft richten, der schlechteren vor der günstigeren den Vorzug zu geben. Nur damit würde der Mensch seiner Verantwortung den nachfolgenden Generationen gegenüber gerecht. Das Böse lauert überall, bestätigt die Psychotherapeutin ihrer unter Verfolgungswahn leidenden Patientin, bevor sie verschworen das Fenster schließt, um –sich ihrer Patientin nunmehr gänzlich sicher- mit ihrer Therapiestunde zu beginnen. Hätten Jonas leibliche Vorfahren ähnlich gedacht und auch noch danach gehandelt, dann würde er sich heute allenfalls lausen und die Läuse, derer er dabei habhaft würde, verspeisen, um seinen Zuhören seine Thesen vom allgegenwärtigen und allezeit drohenden Bösen verkünden zu können. Menschen, deren Handeln durch die allgegenwärtige Bedrohung ausschließlich bestimmt wird, hat es immer schon gegeben. Sie sind meist von missionarischem Eifer getrieben, um alle unter ihre Furcht und auch Fuchtel zu bringen, ihr Verhalten und ihre Äußerungen gleichen sich auffallend, ganz gleich worum es ihnen geht. Ihr Fanatismus gründet in der Wahrheit, die nur sie oder gerade sie gesehen haben, und der sich alle zu ihrem fanatisierten Heil zu beugen haben. Dahinter hat alles zurückzutreten, es gibt und gilt nichts anderes mehr. Vernunftsargumenten sind sie objektiv nicht zugänglich, denn sie haben ihre eigene Vernunft schon längst kupiert und alle Zugänge mit allerlei Vorurteilen und Zirkelschlüsseln fest gesichert und verschlossen, wie es Psychotherapeuten seit je handhaben. Damit ist jeder kritischer Zweifel ausgeschlossen. Zum Lohn winken sie allen mit dem Guten, das darin besteht, dass das (angenommene) Böse nicht geschieht – etwas wovon ganze Generationen von Politikern und Demagogen schon immer gut gelebt haben. Die Bedrohung am Horizont und die Angst in den Herzen haben Menschenmassen stets gefügig gemacht. So schleichen sich Heilige und Scharlatane selbst in das Vertrauen der Mächtigsten ein. Dort wirken sie unangefochten, denn die Wahrheit, die ihnen per definitionem zu Eigen ist, hinterfragt man nicht. Natürlich nicht, denn woran erkennt man sie, die Wahrheit, denn anders, als dass sie wahr ist und mithin keiner Rechtfertigung bedarf und wer sie anzweifelt, der ist der Verräter. So hat nun auch die Bundeskanzlerin ihren eigenen Rasputin aus Potsdam, der die Seelen der Menschen mit Kohlendioxyd abzirkelt, schwarz und dunkel und mit allem was die Menschen tun, vor allem zu leben, schuldig, bereit einen jeden Verstand zu vernebeln. Gebannt starren alle auf Rasputin, dem Mirakel und Vehikel, ihm gefällt's, was er mit leidender Miene offen verbirgt. Wenn er vom Kohlendioxyd redet, dann tut er es so, wie seit Jahrtausende es seine Vorgänger machen, glaubt mir, ihr wisst ja nicht, was meine Augen schon gesehen ( wo?, im Traum, in der Erleuchtung, in der nur wenigen so recht offenbarten Wissenschaft). Verschreckt schweigen alle anderen, die an sich auch etwas gesehen haben, und vergessen alle ihre Eide, die sie der Erkenntnis einst geschworen haben. Rasputine beschäftigen sich nicht mit der Erklärung des Geschehenen, sondern sie prognostizieren die Zukunft, da herrscht weit mehr Freiheit als die kleinliche wissenschaftliche Pflicht, über jeden Gedanken anderen Rechenschaft zu geben. Keinem Institut für Klimaforschung steht Merkels Rasputin vor, sondern einem Institut für Klimafolgenforschung. Hellseher und Wahrsager lebten schon immer gut von der Unbestimmtheit aller Zukunft, die sie dennoch hervorzusagen sich priesen. Da macht es auch nichts aus, dass der Mensch nur einen winzigen Bruchteil des auf der Welt vorhandenen Kohlendioxyds überhaupt zu beeinflussen vermag, dass es keinerlei wissenschaftlich gesicherte vollends schlüssige Erkenntnisse über die Wirkungen dieses Gases am Treibhausmix gibt wie überhaupt über die Bedeutung des Kohlendioxyds in diesem Zusammenhang, dass die einzigen über Jahrzehnttausende reichenden Beobachtungen der Klimaentwicklung ein Ansteigen des Kohlendioxyds erst nach eingetretener Erwärmung belegen, dass andererseits gewaltige andere Ursachen für klimatische Änderungen über Jahrhunderttausende bekannt sind, die von ihnen ausgelösten Prozesse aber sich über Jahrtausende erst auswirken (erst heute erreicht der durch die letzte bis vor etwa 12.000 Jahre dauernde Eiszeit während deren Dauer in den Süden verdrängte Vegetationsgürtel wieder Skandinavien). Denn wer sich mit der Folge beschäftigt, kann alles Gewesene nur relativieren. "Ja woher soll denn die Änderung her kommen, wenn nicht durch des Menschen Schuld?" So hat die Inquisition stets im Zweifel gegen den Angeklagten entschieden, denn Gottes Glanz strahlt selbst in der finstersten Ecke einer jeden Seele, wo auch das Böse im sich wandelnden Klimas als von jedem Menschen durch sein Leben verschuldetes Kohlendioxyd sich aufhäuft. Der Heilige Augustinus und seine Erbsünde lassen grüßen. Nicht anders wurden stets die Gläubigen bei der Stange gehalten. Und genau darum geht es, um eine neue Religion, die Gott durch das Universum und seine Allmächtigkeit durch die des Staates ersetzt. Im Übrigen aber bleibt alles beim Alten und Rasputine haben Hochkonjunktur, wenn, wie einst durch den römischen Senat, besonders wirkungsvolle Politiker durch Parlaments- und Medienbeschluss wieder zu Göttern erklärt werden, warnt euch Max Stirner alias Caspar.
Donnerstag, 15. Oktober 2009
Enthüllungsjournalismus
Entweder ist es intellektuelle Unbedarftheit , sprich Dummheit, oder die skrupellose Schaffenslust bei der Kreierung gängiger Nachrichtenware, die in den alle nach dem gleichen Muster gestrickten Enthüllungsmagazinen die Produktion von Scheininformationen regiert: möglichst wenig Sachverstand zum Gegenstand, über den berichtet wird, und möglichst identische Bestätigung weithin gepflegter Vorurteile, aber eines nur nicht: Information. Da wird getrickst und weggelassen, verschoben und auch ein wenig gelogen, Hauptsache die vorgefasste Meinung wird bestätigt. Beispiel Finanzkrise, die gepflegten Vorurteile nach einer Bankenkrise, hier ist kein Argument zu dumm, das Vorurteil zu bekräftigen, die Gier der Banker (und nicht die Gier der Schuldner, wie auch der Staaten, um die hemmungslose Sozialgier zu befriedigen) habe uns die Krise beschert. Zum Beweis: es gibt auch Banken, die ohne Staatshilfe durch die Krise gekommen (bitte aber bei Gott nicht die Deutsche Bank, die hat zwar auch keine Staatshilfe genommen, aber die hat sich allein wegen des Wirtschaftens ihres Vorsitzenden Ackermann vorsätzlich der Hilfe verweigert, weil Ackermann etwas vom Bankgeschäft versteht, eine Eigenschaft von der die journalistischen Kritiker vollends frei sind, auf jeden Fall sich freigemacht haben). Nein hier ist vielmehr an die von anerkannten Gutmenschen betriebenen Institute wie Umweltbank und Ethikbank gedacht, die in der Finanzkrise dank kluger nachhaltiger Prinzipen kaum durch den Finanzzusammenbruch verloren haben. Dies gilt zwar auch für die vielen tausend Raiffeisen- und Volksbanken und einer Menge von Sparkassen, aber nicht erwähnenswert, da sie nicht den Sacrificator (kein Fastenbier, sondern Heiligmacher) Ethik oder Umwelt, noch nicht einmal Nachhaltigkeit im Namen führen, somit des Vergleichs nicht wert sind und auszuscheiden haben. Klug enthüllen die vorgeblichen Fachjournalisten, dass infolge des Erbebens zwar die Brücken über die Ströme, Täler und Meeresbuchten eingestürzt seien, indessen nicht die Stege über den Einfallsbach, dem Pinselquell oder dem Dummgraben. Wieso haben sich die Erbauer der eingestürzten Brückenbauwerke bei der Errichtung ihrer kilometerlangen Spannweiten nicht der Kenntnisse der Konstrukteure der sich als so haltbar erwiesenen meterlangen Übergänge bedient? Weil sie nur auf Profit aus sind und sich dem Guten im Menschen verweigern. Brücken baut man, wie man Banken führt, recht und nachhaltig nur mit der richtigen Gesinnung. Habt ihr das denn nicht gewusst? So schieben sich die Journalisten, ungestört durch Recherchen und Hinterfragung, unbeleckt von etwaigem Fachwissen, wohl erfahren im Schlagen grünen oder auch roten Schaums, in Schlamperei, freier Fantasie und barer Unterstellung trefflich durch die Pressefreiheit geschützt, gegenseitig die faulen Eier zu, was hin und wieder auch Äpfel oder Birnen sind, aber in ihrer Darstellung alle gleich. Das System der Medien ist dem hilflos ausgeliefert und es bleibt nur die Hoffnung, dass ihr letztes Stündlein wenigstens mittels des Internets wird noch schlagen.
Samstag, 18. Juli 2009
Scheinheiliges Getue um Treue und Sexualität
Klerikale Propaganda zur Nutzung von Internetpornographie
Das erleben wir immer wieder: klerikale Propaganda im Gewande scheinbarer Wissenschaftlichkeit. Den "Überschuss an sexueller Energie" gab es seit je und wird es immer geben, denn das will die Natur so, bei Männern wie bei Frauen. Sie vor dem Bildschirm abzufahren sollte doch eigentlich einer gegenseitig versprochenen Treue förderlicher sein, als sich die Liebe bei Prostituierten zu kaufen, in denen immerhin der heilige Thomas von Aquin die Garanten der Ehe sah. Nach außen hin drängt auf jeden Fall eine jede überschüssige sexuelle Energie, das entspricht dem sozialen menschlichen Drang, mit anderen zu teilen, meint Max Stirner alias Caspar.
Dienstag, 12. Mai 2009
Schamlos aufgebauschte Sozialpropaganda
Was heute im Hinblick auf die OECD-Untersuchung durch die deutsche Presse wallt, ist nichts als reine Sozialpropaganda, mit aufklärender Berichterstattung hat das wahrlich nichts zu tun. Davon ist selbst der Bericht der OECD nicht frei, der mathematische Verzerrungen zu sozialen Defiziten aufbauscht, wenn wir dies auch von Sozialpolitikern und –funktionären gewohnt sind, wie auch von ihren Helfershelfern. Heute aber haben sie allesamt danebengegriffen, oder wollen sie wirklich die ungleiche Einkommensteuerlastverteilung angreifen, wonach 10 % der arbeitenden Bevölkerung 55 % der Einkommensteuer, bzw. 50 % der Bevölkerung nur 6 % zahlen (lesen Sie auf der Seite des Bundesfinanzministers zur Einkommensverteilung nach oder sehen Sie sich die Tabelle II.3 des 3. Armutsberichts der Bundesregierung an). Bei der Diskussion des OECD-Berichts hat ein jeder schön daneben gelangt.
1.Die von der OECD aufgebauschte Verzerrung (ausgelöst durch die Beitragsbemessungsgrenze wie in der Rentenversicherung von € 64.800 –Westdeutschland- / € 55.600 –Ostdeutschland-) führt zu geringfügigen Verwerfungen allein im Bereich des obersten Dezils (die nach 10%-Gruppen gestaffelte Skala), also bei den obersten Zehnprozent-Verdiener mit über € 42.982 (Durchschnitt der zweithöchsten Zehnprozent-Gruppe), wo man durchschnittlich im Jahr brutto € 88.948 verdient. Die höchste und zweithöchste Einkommensgruppe verdienen 40 % des gesamten Einkommens. Alles nachzulesen im 3. Armuts- und Reichtumsbericht unserer Bundesregierung. Das also sind die viel bejammerten Geringverdiener! Bei allen anderen wirkt sich das rein mathematische Verteilungsproblem mangels Steuerlast erst gar nicht aus. Wie könnte das auch anders sein, wenn die oberen 30 % der Einkommensbezieher 80 % der Einkommen- und Lohnsteuer allein aufbringen? Sie sollten sich der Sozialpropaganda schämen.
2.Wem es wirklich um die Ungerechtigkeit in der obersten Einkommensgruppe geht (Gerechtigkeit gilt ja eigentlich für alle, wenn sie nicht ihren Wert verlieren soll), dann sollte man, bevor das Herz zerfließt, bedenken, dass in der höchsten Einkommensgruppe, also oberhalb der Beitragsmessungsgrenze, man selber für die ausreichende Versicherung der darüber hinausgehenden Einkommensanteile sorgen muss, etwa durch Lebensversicherung oder ähnlichem. Soziale Sicherheit hat seine Kosten und kommt hierfür der Staat oder die Gemeinschaft nicht mehr auf (wegen der Beitragsbemessungsgrenze), so fallen sie bei den Betroffenen unmittelbar an. Solche Feinheiten übersieht die OECD-Studie, wenn sie wahrhaftig Birnen mit Äpfeln vergleicht, sie würde indessen der maßlos aufgebauschten Arbeit ihre scheinbare Sensation nehmen, meint Max Stirner alias Caspar.
Freitag, 17. April 2009
Eunuchen brauchen Copyright
Sonntag, 1. März 2009
Der Einsturz des neuen (Finanz-)Turms zu Babel
Die wirklichen Verantwortlichen der Weltfinanzkrise
Nicht wenig könnte man die aktuelle Diskussion über die Ursachen der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise und die dabei so einheitlich den Bankern zugewiesene Verantwortung mit einem Disput im Alten Rom vergleichen, in dem der Ausbruch des Vesuvs des Jahres 79 n.Chr. und der Untergang Pompejis der ungehemmten Ausdehnung der Anbauflächen von Wein in immer größerer Höhe des Vesuvs oder aber, wenn auch scheinbar ein wenig sachverständiger anmutend, dem Bau einer unterirdischen Wasserleitung auf der Ostseite des Vesuvs zugeschrieben worden wäre. Man mag durchaus die eine oder andere Auswirkung der römischen Katastrophe auch im Zusammenhang mit dem einen oder anderen Umstand der genannten Art bringen (vielleicht wäre im Einzelfall der Lavastrom anders abgeflossen und hätte statt des Einen einen Anderen getroffen), die Eruption indessen zu erklären, wäre das einfach lächerlich. Dies sind aber die meisten Deutungen, vor allem in der zumeist von blanker Unkenntnis der Journalisten geprägten medialen Diskussion, nicht weniger. Unkalkulierbar gewordene Hedgefonds, überzogene Manager-Gehälter und irreale Bonuszahlungen können sicherlich als Anzeichen des bevorstehenden Zusammenbruchs gedeutet werden, sie haben aber den Kollaps des Finanzsystems mit Bestimmtheit nicht weniger verursacht, als die Ausdehnung der Weinanbauflächen oder ein unterirdisch fortgeführter Aquädukt im Alten Rom den Ausbruch des Vesuvs. Dies dürfte selbst für die Subprime-Krise gelten, die ein ansonsten noch funktionierendes Weltfinanzsystem niemals zum Einsturz hätte bringen können.
Der wahre Grund ist wie im wirklichen Leben, das ist die Verfassung, in der einen die Krankheit trifft. Eine Grippewelle verläuft für die meisten harmlos, allenfalls mit unangenehmen Begleiterscheinungen, fordert aber dennoch erstaunlich viele Todesopfer, weil der Organismus jener von ihr befallenen Menschen nicht mehr zur Abwehr in der Lage ist. Was dabei Ursache (Grippe oder körperliche Schwächung) und was Wirkung (körperliche Schwäche oder Grippe) ist, kann frei ausgetauscht werden. Das ist sicherlich keine befriedigende Erklärung und beschreibt auch nur einen banalen Zusammenhang. Dennoch zwingt uns dies, den Blick auf den Zustand des Weltfinanz- und Wirtschaftssystems zu richten, dessen Veränderungen wir jetzt erleben. Wie wenig selbstverständlich dies ist, zeigen z.B. die Gewerkschaften, die mitten im Zusammenbruch zum Streik für höhere Löhne auffordern und eigentlich damit nichts anderes tun, als sich von dem einstürzenden System schnell noch eine Scheibe abzuschneiden, bevor es am Boden zerbirst. Den letzten beißen dann die Hunde. Denn eines sollte doch nunmehr klar sein, das, was das System zu gewähren versprach, konnte es nicht mehr halten. Das Weltfinanzsystem hat uns einen Wert von Vermögen und Gewinnen vorgegaukelt, die nunmehr mit einem Federstrich entschwunden sind. Dass dennoch die genannten Streiks weiterhin auf Beteiligung an der Verteilung dieser entschwundenen Werte beharren, beantwortet auch zugleich die Frage nach den Verantwortlichen: wir alle, die das System mit trugen und ihre Wünsche nach ihm ausrichteten, sind die Verantwortlichen.
Eine Kennziffer für die Werte, die es theoretisch zum Verteilen gibt, ist das Weltfinanzvermögen. Dieses umfasst alles, was in irgendeiner Weise auf Handelsmärkten auftaucht. Dieses weltweite Finanzvermögen ist von 1980 bis zum Jahre 2005 von 25 Billionen auf 140 Billionen US Dollar gestiegen, also um 1.167 % (fast 50 % jährlich im Durchschnitt auf das Ausgangsjahr bezogen), es hat sich fast versechsfacht. Eine andere Vermögensquelle und nicht weniger Quelle von Umverteilungssehnsüchten sind die Immobilien, deren Preise sich seit 1980 im Durchschnitt verdoppelt bis verdreifacht haben (nicht in Deutschland, wo der Wiedervereinigungsboom ab 1990 im Ergebnis eine Stagnierung erzeugte). Was bedeuten diese Wertsteigerungen? Manche sprechen hier von einer Loskoppelung der Finanzwerte von den realen Werten (den Werten der Realwirtschaft), die allein erwirtschaftet würden. Was aber sollen wirkliche Werte sein? Werte sind immer etwas Virtuelles, nichts Reales. Ein Wert ist schlichtweg das, was sich auf einem Mark realisieren lässt. Das hängt von der Anzahl der Käufer und deren Interesse ab. Das heißt, eigentlich wissen wir genau so wenig, ob der für das Jahr 1980 errechnete Wert des Weltfinanzvermögens der wirkliche (reale) Wert ist oder der des Jahres 2005. Wenn der Markt die Werte bringt, bestätigen sie damit deren Realität. Allein aus der Frage, ob und wann sich der Finanzmarkt von den realen Werten abgekoppelt habe, lässt sich somit nichts gewinnen. Wir müssen den Augenmerk daher auf die Veränderung als solche richten und fragen, warum tritt eine Veränderung jeweils ein, was sind die Gründe der Marktteilnehmer, immer mehr zu bezahlen. Dies können einmal Faktoren sein, die sicherlich mit dem, was gemeinhin mit Realwirtschaft gemeint wird, verbunden werden, wie Produktionssteigerungen und in Bezug auf die Bedürfnisse der Kunden erreichte Qualitätsverbesserungen. Wird mehr hergestellt, dann wird mehr verkauft, und befriedigt ein Produkt mehr Bedürfnisse, dann hat es für den Käufer auch mehr wert. Man muss annehmen, dass solche Zusammenhänge mit realwirtschaftlicher Wertbildung gemeint sind. Auf der anderen Seite können Wertsteigerungen auch darauf zurückzuführen sein, dass der Wert eines Produkts, Gegenstands oder einer sonstigen Leistung –bei gleichbleibender Quantität und Qualität- höher eingeschätzt wird. Wollen mit einem Mal viele in einer bestimmten Gegend wohnen, dann steigert das die Preise der Immobilien dort so lange, bis es den Leuten zu teuer wird. Solange die Menschen dort selber wohnen wollen, bleibt der realwirtschaftliche Bezug erhalten. Anders wird es, wenn die Menschen dort höhere Werte zu zahlen bereit sind, weil sie auf weitere Wertsteigerungen hoffen, bei deren Eintritt sie das Grundstück verwerten wollen. Damit erreichen wir die Ebene der Finanzspekulation. Man wird daher allgemein formulieren können, dass man nicht mehr von einer realwirtschaftlichen Wertbildung spricht, wenn nicht mehr die reale Bedürfnisbefriedigung der Grund für die Preisbildung ist, sondern das Erwarten von Wertsteigerungen als solchen. Jetzt sind abstrakte (das heißt von den eigentlichen Umständen der Produktion oder Leistung unabhängige) Gewinnerwartungen, also eine Spekulation, das Motiv. Das wäre die reine Lehre, aber in praxi vermischen sich diese Dinge schon. Indes heuristisch, allein zur Klärung der Zusammenhänge, hilft uns das weiter. Denn betrachten wir die vorhin genannten Zahlen für 1980 und 2005, dann müssen wir nicht entscheiden, wo nun die realwirtschaftlichen Motive von den spekulativen zurückgedrängt werden. Uns hilft schon die Feststellung, dass ein ganz wesentlicher Teil der Steigerung des Weltfinanzvermögens von 25 auf 140 Billionen US Dollar nicht auf einer durch reale Bedürfnisse ausgelösten Wertsteigerung, beruht, sondern auf reiner spekulativer Gewinnerwartung. Kaum ein Zweifel dürfte auch an der Annahme bestehen, dass je höher der Wert des Weltfinanzvermögens gestiegen ist, umso mehr die Steigerungen aus spekulativen Gründen erfolgt sind.
Hier können wir schon einmal Halt machen. Je mehr für den Anstieg des Weltfinanzvermögens die Spekulation verantwortlich ist, um so mehr werden diese Werte selber von der bloßen Spekulation abhängig. Nachdem aber eine jede Spekulation einmal zu Ende geht (weil niemand mehr an weiteren Steigerungen glaubt und nicht mehr bereit ist, mehr zu zahlen), ist deren Ende ebenso so sicher wie das Amen in der Kirche. Das Ende einer Spekulation unterliegt aber umso mehr spekulativen, das heißt sprunghaften Bewegungen, als sie sich von der realwirtschaftlichen Grundlage (im Sinne realer Bedürfnisbildungen und ihrer Befriedigung) entfernt hat. Je höher die Werte sind, die wir allein noch aus spekulativen Motiven erreicht haben, umso tiefer werden sie am Ende der Spekulation einbrechen können. Liegt es ferne anzunehmen, dass wir gerade so etwas erleben?
Die Werte des Finanzvermögens schlagen sich in dem Verhalten der sie besitzenden Menschen nieder. Teile des Finanzvermögens können jederzeit umgetauscht werden und spiegeln somit für die Menschen auch die Grundlage ihres Wohlstandes wieder, den sie erreicht haben. In den Bilanzen der Unternehmen bestimmen sie die Aktivseite und beflügeln so die unternehmerische Aktivität. Dies geschieht nun regelmäßig durch entsprechende Vergrößerung der Passivseite, durch Engagements und Investitionen und vor allem durch Kreditaufnahme. Denn es entspricht nicht kaufmännischem Verhalten, jeweils alle seine Aktiva auch tatsächlich aufzulösen, um damit die jeweiligen Investitionen selbst zu finanzieren. Die Banken reisten durch die Lande und bedrängten die Unternehmen mit ihnen aufgedrängtem Geld, immer Neues zu unternehmen, vor allem andere Unternehmen zu kaufen. Das lässt wieder die Preise für Finanzanlagen steigen und alle werden noch wohlhabender und können noch mehr kaufen. Wie selbstgemacht hierbei die Werte sind, lässt sich leicht begreifen. Will das eine Unternehmen ein anderes börsennotiertes Unternehmen kaufen, macht es ein Angebot und die Aktien des zu erwerbenden Unternehmens steigen sogleich an. Der Käufer legt nach, die Bank erhöht zu diesem Zweck die Finanzierung und stellt als Sicherheit den gestiegenen Börsenwert ein. So schafft sich das zu finanzierende Geschäft selbst die hierfür erforderlichen Sicherheiten. Darauf beruhten weite Teile des Weltfinanzsystems. Die Staaten selber entfachen über die Politiker immer größere Erwartungen an Umverteilungen zugunsten der Mehrheit ihrer Bürger und finanzierten dies aus unablässig wachsenden Krediten, obgleich ihr Steueraufkommen an der sich selbst fütternden florierenden Wirtschaft ebenso partizipiert. Durch den gewaltigen Anstieg des Finanzvermögens haben die Staaten keine Schwierigkeiten, die benötigten Kredite zu erhalten, wird ihnen doch die höchste Kreditwürdigkeit eingeräumt (bis zum Beweis des Gegenteils: ein moderner Staat kann nicht fallieren). Trotz des ständig wachsenden Finanzvermögens verschulden sich die Staaten immer mehr. So entsteht ein –wie wir nun wissen- scheinbar ausgeglichenes Finanzsystem, in dem der aktiven Seite stets die passive Seite folgt, Soll und Haben, Finanzvermögen und Schulden, halten sich die Waage. Die Banken sind hier Vermittler und natürlich auch Verkäufer von Anlagen und Krediten. Nutznießer und Teilhaber sind aber alle, die Unternehmen und deren Kunden, die Staaten und deren Bürger, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie alle haben sich ein Boot gebaut, mit dem sie über die Meere segeln, bei dem sie nur einen Umstand ausgeklinkt haben: dass es irgendeine Größe des ständig wachsenden Finanzvermögens und der einhergehenden Verschuldung gibt, bei der das Boot zerbirst und untergeht. Diesen Punkt haben wir offenbar erreicht. Rettungsboote der Staaten umkreisen zwar die Havarie, niemand aber weiß, wie weit sie selbst mit im Boot sitzen und uns ebenfalls mit in den Abgrund reißen können. Die Politiker, in Darbietungen eunuchaler Omnipotenz geübt, tun zwar so, als ob sie auch diesmal das Boot vor dem Absaufen retten können, aber dazu müssten sie als Erstes das Boot überhaupt verlassen können. Schon am Glauben, dass sie zu schwimmen verstünden, fehlt's.
Wie und warum auch immer, aber das ist klar: der neue Turm von Babel, der des Weltfinanzvermögens von mittlerweile wahrscheinlich über 150 Billionen US Dollar, ist zusammengebrochen. Das Wort eines Wirtschaftswissenschaftlers ging um die Welt: nun erweisen sich die Vermögenswerte als virtuell, die hierauf basierenden Schulden aber als real. Das kennzeichnet die Situation treffend, wenn man es auch einschränken muss, denn auch die Schulden, abgesichert durch Vermögen von virtuellem Wert, sind nicht weniger virtuell. Nur behandeln unsere Rechtssysteme sie als real, das heißt, sie müssen unabhängig von den sonstigen Umständen zurückgezahlt werden, sonst drohen Zwangsvollstreckungen oder Insolvenzen. Das Recht schreibt somit Schulden in ihrer Verbindlichkeit fest, wogegen die Werthaltigkeit von Vermögenspositionen nur auf der Annahme beruht, dass auf dem Markt schon genügend Personen agieren werden, die die für objektiv gehaltenen Werte zahlen werden. Annahmen können stets enttäuscht werden und der Markt gebiert einen niedrigeren Preis. Denken wir uns nur den Fall, um bei unseren Zahlen zu bleiben, das Welt Finanzvermögen fiele auf den Wert des Jahres 1980 von 25 Billionen US Dollar zurück (was recht unwahrscheinlich ist, aber man könnte –heuristisch gesehen- auch jeden anderen Wert von beachtlicher Diskrepanz dazwischen nehmen), dann stünden binnen Jahresfrist 250 Billionen US Dollar Schulden den sie absichernden Vermögenswerten von nur noch 25 Billionen US Dollar gegenüber, weite Bereiche der Wirtschaft wären insolvent, weil die Schulden weitaus höher als das Haben sind. Das ist die ebenso zwingende wie missliche Lage der meisten Banken, die allesamt, hätten die Staaten nicht eingegriffen, so pleite wie Lehman Brothers wären. Das konnten aber die Banker nicht verhindern und das hat auch nichts mit ihren Hedgefonds und ihren Boni zu tun. Sicherlich haben sie in den langen Zeiten des explodierenden Zuwachses des Finanzvermögens dies als Erfolg sich auf ihre Fahnen geschrieben und danach ihre Vergütung ausgerichtet und haben von dem rasanten Anstieg übermaßen profitiert, aber sie haben den Zusammenbruch nicht verschuldet, denn dieser war und ist unvermeidbar. Oder genauer: vermeidbar wäre er nur, wenn es das Wachstum nicht gegeben hätte. Von dem Wachstum haben wir aber alle profitiert oder auch genassauert (wie augenblicklich noch die deutschen Gewerkschaften mit ihren Streiks versuchen). Wenn die Banker Schuld haben, dann wir alle somit auch. Auch der arme Mann und der Hartz IV- Empfänger, denn ohne dieses rasante Wachstum, wären die Staaten nicht in der Lage gewesen, solche Wohltaten zu verteilen (und werden es auch zunehmend weniger tun können, worüber jetzt nur keiner spricht). Wenn wir nach Gewinnlern des rasanten und sich nun so krass als virtuell erweisenden Zuwachses der Vermögenswerte fragen, dann sind es neben die Manager und deren Mitarbeitern, deren Bezüge sich an den virtuellen Gewinnzuwächsen orientieren, die Anleger- nur haben die Anleger indessen alles wieder als Erste verloren. Die weiteren Gewinnler aber sind alle die, die von den staatlichen Wohltaten leben, die diese im Hinblick auf die so übermäßig sprudelnden Quellen des Weltfinanzvermögens in weit über die eigene Leistungsfähigkeit hinausgehender Weise verteilt haben. Sie alle haben über ihre Verhältnisse gelebt und tun es noch heute.
Was bedeuten nun die staatlichen Hilfe? Stützende staatliche Eingriffe sind auf der Haben- oder auf der Sollseite denkbar, zum Schutz der Bilanzen vor Überschuldung oder aber zur Unterstützung der Schuldner, mit Maßnahmen, die den Absturz der Vermögenswerte lindern, oder solchen, die die rechtliche Verbindlichkeit der bestehen bleibenden Schulden mildern. Beteiligen sich die Staaten an Banken oder anderen Unternehmen, dann gehen sie zuerst einmal den Weg, die Unternehmen vor der durch den Absturz der Aktiva drohenden Insolvenz zu schützen. Legen die Staaten Programme auf, die Hausbesitzer vor Versteigerungen schützen sollen, dann lockern sie der Sache nach die strenge rechtliche Verbindlichkeit der Schulden. Bei allem geht es um die Überwindung der neuen Diskrepanz zwischen Schulden und sie nur noch teilweise sichernden Vermögenswerten. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage, ob es einen Sinn macht, der Korrektur, die durch den Einsturz der Vermögenswerte eintreten wird, überhaupt entgegenzutreten. Jede staatliche Maßnahme perpetuiert hier die möglicherweise weitüberzogenen Bewertungen. Geht man von der Vorstellung aus, dass es einen sich an den realen Bedürfnissen orientierenden ebenso realen Wirtschaftswert gibt, dann würde eine Gesundung der wirtschaftlichen Verhältnisse es erfordern, durch staatliche Stützung diese Werte jedenfalls nicht überschreiten zu lassen. Der Einbruch wäre damit hinzunehmen. Hilfestellungen wären dann denkbar auf der Seite der Verschuldung, um die Diskrepanz zu überwinden. Dies könnte möglicherweise mit Hilfe einer Bad-Bank geschehen, wenn diese nicht nur für die Entsorgung der aus der Sicht der Unternehmen schlechten Risiken zuständig wäre, sondern auch zur Bewältigung dieser Risiken durch die Schuldner. Wie man die Sache auch dreht und wendet: die Diskrepanz zwischen dem nunmehrigen Wert der Vermögen und der Verschuldung muss überwunden werden, soll die Wirtschaft sich aus dem tiefen Fall, in den sie durch den Zusammenbruch des Finanzwesens gelangt ist, wieder erholen. Dies führt aber zu dem eigentlichen und wirklichen kritischen Punkt: Können die Volkswirtschaften und damit die Staaten überhaupt die Werte aufbringen, die zur Überwindung der Diskrepanz erforderlich sind? Die notwendigen Werte sind nicht in Sicht, es sei denn mit falschem Geld. So steuern wir auf eine Währungsreform zu, die letzte haben wir in Deutschland 1949 erlebt und sie für die ehemalige DDR 1990 nur vermieden, weil die fehlenden Werte durch Westvermögen ausgeglichen wurden. Das hat uns unter anderem den Niedergang nach 1990 eingebracht (was sich bei den Immobilien heute fast als Glück erweist). Wahrscheinlich wird es auch in Zukunft neue Formen geben, Währungsreformen durchzuführen, ohne dass die Leute es gleich merken, meint Max Stirner alias Caspar.